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Nachhaltigkeit und Bürgerenergieanlagen in Rheinhessen - beispielhafte Konzepte

Geschrieben von skr am .

Windkraft am KandrichEine Tour mit dem BUND führt zur Besichtigung von zwei Bürgerenergieanlagen im Hunsrück und Rheinhessen und zeigt wie Nachhaltigkeit und Energiegewinnung im Einklang stehen können. 

Der Windpark auf dem Kandrich, der seit Karl dem Großen zum Ingelheimer Wald gehört, ist ein Beispiel dafür, dass regionale Energiegewinnung in Bürgerhand ein rundum nachhaltiges Konzept sein kann. Zudem gehört dieser Standort zu einem der windhöffigsten Standorte Südwestdeutschlands. 

Einst das Jagdrevier der Ingelheimer Pfalzgrafen, war der Kandrich dann zuletzt bis zum Fall der Mauer Militärgelände.
Für den Bau der Anlagen mussten keine Bäume gerodet werden. Den Boden bedeckt Borstgras. Auflage für die Baugenehmigung der Anlagen war es den Bodendecker, der die Eigenschaft der Bodenbefestigung hat, zu erhalten.

Das erste Windrad wurde 1999 errichtet, 2000 folgte das zweite, beide noch mit einer deutlich geringeren Höhe und Leistungsfähigkeit als Anlage 3, die seit 2005 in Betrieb ist. Die Anlagen haben bislang mehr als  85.000 Tonnen CO2 eingespart. Zwei weitere höhere und leistungsfähigere Anlagen sind im Bau und sollen noch 2012 fertiggestellt werden. Die Anlagen sind getriebelos und damit günstiger in den Wartungskosten. 

Die Protagonisten am Kandrich sind Wilfried Haas, Geschäftsführer der Gedea-Ingelheim GmbH, über die die Bürgerinvest-Projekte gesteuert werden und Förster Florian Diehl, der am Kandrich quasi sozialisiert wurde. Er war schon hier als Dreijähriger unterwegs, zusammen mit seinem Vater, der damals der zuständige Revierförster war. So lebt er für diesen Wald und streitet auch schon mal mit den Fundamentalisten des BUND, wie er sagt. Selbst Mitglied, gehört er zu den Visionären im BUND, die den Wald auch betriebswirtschaftlich betrachten, um sein gesundes Fortbestehen zu sichern. Er hat eine klare Einstellung: Global denken, lokal handeln. Man müsse nach Kosten-/Nutzenkriterien abwägen, welcher Wald weichen muss. Die sogenannte „Verspargelung“ der Landschaft  betrachtet er nüchtern: „Wir leben in einer Kulturlandschaft, die seit Jahrtausenden vom Menschen geprägt und beeinflusst wird.“ Ob Monokulturen in der Landwirtschaft, großflächige Bebauungen, Verlegung der Flussläufe, die Manipulation durch Menschenhand gehört zu unserem Lebensraum. Unsere Aufgabe muss es heute sein, alte Fehler wieder gutzumachen und unsere Ressourcen zu schonen, damit auch künftige Generationen noch Freude am Leben haben können. 

Als Revierförster hat er ebenso den Wildbestand in dem FSC zertifizierten Wald im Auge und berichtet von einer Überpopulation des Rotwildes. Natürliche Feinde sind nicht mehr vorhanden. So gehört zu seinen Aufgaben, den Bestand zu dezimieren – nachhaltig, wie er sagt. Da wird ein Fuchs beispielsweise ein wärmender Pelz, was Tierschützer auf die Barrikaden bringt. Aber mit welcher Logik? Das Wildfleisch dieser Region wird über lokale Biomärkte und im Ingelheimer Mehr-Generationen-Haus vertrieben. 

Wilfried Haas berichtet über die strengen Genehmigungsverfahren und Auflagen, die zu beachten sind bei Errichtung eines Windparks. So wurde der Wildkatzenwechsel vom Taunus zum Hunsrück als schützenswert proklamiert. In zwei kostspieligen Gutachten musste nachgewiesen werden, dass für Wildkatzen durch die Windkraftanlagen keine Gefahr besteht. Die eigentliche Hürde für Wildkatzen, die sich entschließen den Rhein zu überqueren, liegt sicher im Lösen der Fährfahrkarte und wirkliche Gefahren drohen danach beim Überqueren der Bahnlinien und Autobahnen. 

Bürgersolaranlage SprendlingenNächste Besichtigungsetappe ist der Bürgersolarpark Sprendlingen, Rheinhessen.

Hier wurden in den zwei Jahren seines Bestehens über 500 Tonnen CO2 Emissionen vermieden. Wie am Kandrich sind die Eigentümer keine Großkonzerne, sondern private Kapitalgeber aus der Region, die sich mit Beträgen ab 2.000 Euro an der Anlage beteiligen und dafür Renditen von etwa fünf Prozent jährlich erhalten. 

Im Hintergrund der Solaranlage weist eine Erhebung auf eine der verantwortungslosen Umweltsünden aus den 60er Jahren hin. Hier wurde u.a. Giftmüll der Degussa entsorgt. 

Fuhrleute, darunter Großspediteure wie die Haniel GmbH und die Firma Stinnes, Müllmakler und private Deponiebetreiber wie der Wiesbadener Kaufmann Erwin Prael versprachen der Industrie die schadlose Beseitigung oder Ablagerung der anfallenden Giftsalz-Kontingente, vergruben die Cyanide jedoch billig unter Müll und Bauschutt. (Quelle: Spiegel 28.10.74)

Für die Bürger Sprendlingens wurde das Giftmülllager durch die Kontaminierung des Grundwassers zur gesundheitlichen Bedrohung. Inzwischen ist das Gebiet dekontaminiert und auf der Wiese unter den nachgeführten Solarpanelen weidet eine Sprendlinger Schafherde. 

Bei der Gedea-Ingelheim steht man auf dem Standpunkt, Bodenflächen möglichst nicht mit Solaranlagen abzudecken. In Sprendlingen wurde das gelöst mit den nachgeführten Panelen. Bei Wind gehen die Kollektoren in Tischstellung, ansonsten richten sie sich zur Sonne aus.

Sprendlingen plant bis 2018 100% Erneuerbare Energien einzusetzen und ist bereits auf gutem Weg. Sprendlingen ist beteiligt am Projekt Null-Emissions-Gemeinden der FH Trier. Es strebt als Managementaufgabe der Kommunen die Stärkung der lokalen Wirtschaft durch Nutzung eigener Ressourcen an. 

Kornelia Klimmek, Vorstandsmitglied im BUND Kreisvorstand Rheingau-Taunus, führte die Tour.

Bilder: https://plus.google.com/u/0/photos/117961367109028573398/albums/5752088664108690577